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KI in der Kanzlei: Fünf Erkenntnisse aus der Praxis

09 Apr 2026 Schweiz 5 min. Lesezeit

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Die meisten Kanzleien haben inzwischen KI-Tools lizenziert. Die eigentliche Arbeit beginntdanach – beim Schulungskonzept, bei der Frage, wer welche Tools wie nutzt, und bei der Adoption im Alltag. Roxana Sharifi, Lead Innovation & Legal Tech bei CMS in Zürich, hat im Dezember 2025 im Podcast recht.intelligent mit Daniel Brugger und Colin Carter beschrieben, wie CMS Schweiz diesen Weg angegangen ist. Sechs Monate später zieht sie eine Zwischenbilanz. Fünf Erkenntnisse: 

1. Getrennte KI-Schulungen nach Fachgruppen und nach Seniorität 

CMS hat früh von allgemeinen Grossgruppen-Schulungen auf fachgruppenspezifische Sessionsumgestellt – weil im Immobilienrecht andere Use Cases relevant sind als im M&A-Bereich, und eine Schulung, die keinen Bezug zum eigenen Alltag hat, nicht hängenbleibt. Die Erkenntnis, die seither hinzugekommen ist: Der Mehrwert steigt erheblich, wenn auch innerhalb der Fachgruppen nach Erfahrungsstufe differenziert wird.

Der Grund ist inhaltlich: Auf Partner- und Associate-Ebene werden fundamental andere Prompts benötigt. Wer als Junior Associate einen Schriftsatz entwirft, braucht operative Kompetenz: Wie formuliert man einen Prompt, der die Beweislage systematisch gegen einebestimmte Behauptung prüft? Wie wird der Output gegen die Primärquelle verifiziert?

Auf Partnerebene lässt sich KI gezielt für die Mandatsführung einsetzen. Die Prompts sehen entsprechend anders aus: "Anbei die Verfahrensakten. Erstelle eine chronologische Übersichtder relevanten Verfahrensschritte und Fristen für das interne Briefing." Oder: "Erstelle einen Aufgabenplan mit Verantwortlichkeiten und Deadlines für mein Team." Oder, über eine KI-gestützte Suche mit Tools wie DeepJudge: "Wir bereiten einen Request for Proposal vor. Finde vergleichbare Fälle aus den letzten fünf Jahren."

Hinzu kommt ein Gruppendynamik-Effekt: In gemischten Sessions halten sich Junior Associates mit Grundlagenfragen zurück, und auf Partnerebene fehlt der Raum, offen überspezifische Anwendungsfragen zu sprechen. Getrennte Formate lösen beides.

2. Fähigkeitsverlust durch KI? Wie sich Junior Associates ausbilden lassen

KI übernimmt zunehmend die handwerklichen Tätigkeiten, die traditionell den Ausbildungsweg von Junior Associates prägten. Studien legen nahe, dass passive KI-Nutzung dazu führt, dass sich Verfasserinnen und Verfasser nicht an Passagen erinnern können, die sie gerade selbstgeschrieben haben. Die Forschung spricht von "Cognitive Debt". Wie lassen sich Junior Associates trotzdem ausbilden? Die Antwort könnte darin liegen, KI bewusst als Lernwerkzeug einzusetzen.

Denn Studien zeigen auch, dass KI als Tutor ausserordentlich wirksam sein kann – wenn sie Hinweise gibt und Gegenfragen stellt, statt fertige Antworten zu liefern. Studierende lernten signifikant mehr in weniger Zeit. Der entscheidende Unterschied – KI als Ghostwriter (passiv) versus KI als sokratischer Tutor (aktiv):

KI als Feedbackgeber. Zuerst wird selbst gearbeitet. Erst dann wird die KI befragt: "Welche Risiken übersehe ich? Welche Klauseln fehlen nach Schweizer Praxis?" Eigenes Denken zuerst; KI korrigiert.

KI als sokratischer Fragesteller. "Ich soll einen Financial Covenant für einen Leveraged Buyout entwerfen. Welche zehn Fragen muss ich klären, bevor ich beginne?" Das trainiert strukturiertes Denken, nicht Copy-Paste.

KI als Übungsgenerator. "Erstelle einen Mietvertrag unter Schweizer Recht mit drei versteckten Problemen. Sag mir nicht, welche es sind." Das trainiert Mustererkennung unter realistischen Bedingungen.

Voraussetzung dafür ist, dass Kanzleien bewusst Ausbildungs- und Experimentierzeit schaffen. Solange jede nicht-mandatsbezogene Stunde als unproduktiv gilt, bleibt KI-Adoption an der Oberfläche. Ein Ansatz, der zunehmend diskutiert wird: dedizierte KI-Stunden, analog zuBusiness Development oder internen Schulungen. 

3. Der Wettbewerbsvorteil liegt im kanzleieigenen Wissen 

Wenn alle Kanzleien Zugang zu denselben Modellen und Plattformen haben, was unterscheidet dann noch jene, die KI als echten Vorteil nutzen, von solchen, die lediglich mitziehen?

Die Antwort liegt nicht in der Technologie, sondern im kanzleieigenen Wissen. Tools, die kanzleiinterne Daten indexieren und semantisch durchsuchbar machen, verdeutlichen das: Die KI ist so gut wie die Daten, auf denen sie arbeitet. Ein generisches LLM kann eine passable Klagebegründung formulieren. Aber nur eine Kanzlei, die ihre eigenen Verfahrensakten, Strategiedokumente und Mandatshistorie systematisch erschlossen hat, kann daraus einen echten Vorsprung ziehen.

Roxana Sharifi beschreibt im Podcast ein konkretes Beispiel: In einem Verfahren musste CMS eine bestimmte Aussage finden, ohne dass der Name der betreffenden Firma bekannt war. Eine Stichwortsuche hätte versagt. Die semantische Suche über die Kanzleidaten lieferte die Passage. Solche Ergebnisse setzen eine bewusste, langfristige Investition in die eigene Dateninfrastruktur voraus – und sind mit allgemein zugänglichen Tools nicht reproduzierbar.

4. Klienten fragen nach

Eine Veränderung der letzten Monate betrifft nicht die Technologie, sondern die Klientenbeziehung. Kanzleien erhalten zunehmend Anfragen von Klientinnen und Klienten, die wissen möchten, wie KI eingesetzt wird – nicht aus Neugier, sondern als Teil einers ystematischen Evaluation.

Laut einer Erhebung erwarten mittlerweile rund zwei Drittel der Inhouse-Counsel, dass ihre externen Kanzleien aktuelle Technologie, einschliesslich generativer KI, nachweisbar einsetzen. "AI Review" entwickelt sich zum Element im Auswahlprozess. KI-Kompetenz wird zunehmendzum Faktor in der Klientenbindung.

5. Rechtsabteilungen stehen vor denselben Fragen

Die Herausforderungen, die CMS als Kanzlei in den letzten Monaten durchlaufen hat –Toolauswahl, Schulungskonzepte, Governance, Adoption – stellen sich in vergleichbarer Form auch für Rechtsabteilungen von Unternehmen. Oft sogar unter erschwerten Bedingungen: Rechtsabteilungen verfügen in der Regel über keine dedizierten Innovationsrollen, kleinere Teams und weniger Zugang zum Erfahrungsaustausch mit Peers.

Aufgrund der gesammelten Erfahrung mit der Evaluation, Implementierung und dem Trainingvon KI-Tools unterstützt CMS zunehmend auch Rechtsabteilungen bei diesen Fragen – von der Auswahl geeigneter Tools über die Entwicklung praxisnaher Schulungsformate bis hin zur Begleitung der internen Adoption. Die Erkenntnisse aus dem Kanzleikontext sind übertragbar.

Das vollständige Gespräch mit allen Details zu Use Cases, Tools und Schulungskonzepten ist im Podcast recht.intelligent (Episode 14) verfügbar.

Roxana Sharifi ist Senior Associate und Lead Innovation & Legal Tech bei CMS in Zürich. Sie berät im Bereich Prozessführung und internationale Schiedsverfahren und gestaltet die KI-Adoptionsstrategie der Kanzlei in der Schweiz mit. Daneben berät und schult sie Anwältinnen, Anwälte und Rechtsabteilungen im Umgang mit KI-Tools.

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