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Die von der Bundesregierung am 18. März 2026 veröffentlichte Rechenzentrumsstrategie beginnt mit der Erkenntnis, dass eine zukunfts- und wettbewerbsfähige Wirtschaft ohne umfassende Digitalisierung und ausreichende Rechenzentrumskapazitäten nicht denkbar ist. Die Bundesregierung will die Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 mindestens verdoppeln, die KI-Kapazitäten mindestens vervierfachen und Deutschland als führenden, nachhaltigen Rechenzentrumsstandort positionieren.
Diese längst überfällige Erkenntnis ist klar und als Signal des Aufbruchs zu begrüßen. Entscheidend wird jedoch sein, ob und was von dieser Strategie tatsächlich umgesetzt wird.
Längst ist die Asset-Klasse Rechenzentrum auf dem Radar der Immobilienbranche. Insbesondere angelsächsische Entwickler von Rechenzentren haben sich mit Geld von Private Equity Häusern eingedeckt und sind auf Einkaufstour, um Flächen zur Entwicklung von großen Rechenzentren für die Hyperscaler dieser Welt zu entwickeln. Aber auch Colocation- und Edge-Rechenzentren entwickeln sich rasant. Und auch Immobilienprojektentwickler und institutionelle Immobilieninvestoren sind bereits in den Markt um Rechenzentren eingestiegen.
Folge dieser Entwicklung und Ausgangspunkt der Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung ist dabei die Feststellung, dass es vielfach an geeigneten Flächen fehlt, die notwendige Energieversorgung nicht gesichert ist, Genehmigungsverfahren komplex, langwierig und unsicher sind und die Anforderungen an die Energieeffizienz und Abwärmenutzung in der Praxis nicht erfüllt werden können oder zu erheblichen Mehrkosten führen. Eine systemische Integration in Strom- und Wärmenetze ist nicht gegeben. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass in Deutschland die Entwicklung der Rechenzentrumslandschaft nur langsam voranschreitet und insbesondere im Vergleich zu den USA und zu Asien sogar zurückfällt.
Dem möchte die Rechenzentrumstrategie der Bundesregierung nunmehr durch die Fokussierung auf drei Handlungsfelder begegnen:
- Energie & Nachhaltigkeit: Rechenzentren sollen mit bezahlbarer und umweltverträglicher Energie versorgt werden. Hierfür soll der Energiebedarf von Rechenzentren in der Planung von Netzinfrastrukturen bereits frühzeitig integriert werden. Energieeffizienz und effiziente Wassernutzung, der Einsatz erneuerbarer Energien und die Nutzung von Abwärme sollen überall berücksichtigt werden.
- Standort & Fläche: Geeignete Flächen sollen frühzeitig identifiziert, planerisch gesichert und infrastrukturell erschlossen werden. Einschlägige Planungs- und Genehmigungsprozesse sollen beschleunigt werden, um dem Bedarf gerecht zu werden und international attraktiv zu bleiben.
- Technologie & Souveränität: Mit dem Ziel, digitale Souveränität zu entwickeln, sollen eigene Kapazitäten und Kompetenzen für Rechenzentren über den gesamten Technologie-Stack aufgebaut werden. Dies soll nicht auf Deutschland beschränkt sein, sondern insbesondere im Schulterschluss mit den europäischen Partnern erfolgen.
So sehr die Ziele der Strategie zu begrüßen sind, so vage bleiben die Vorschläge, wie die Strategie tatsächlich zur Umsetzung der Ziele beitragen kann.
Hierbei verkennt die Strategie, dass die Entwicklung von Rechenzentren maßgeblich durch den oder die Nutzer geprägt ist. Ohne Nutzer lässt sich kein Rechenzentrum, dessen Investitionsvolumen schnell eine Milliarde überschreitet, realisieren. Gegenwärtig besteht ein besonderer Fokus auf der Entwicklung von Rechenzentren für Hyperscaler. Hyperscaler, so sie denn ihr Cloud-Geschäft betreiben wollen, sind auf die Nähe zum DE-CIX oder anderen großen Internetknotenpunkten angewiesen. Daher besteht in Deutschland ein besonderer Bedarf an Flächen in und im Umkreis von Frankfurt am Main, wobei auch Regionen wie Berlin, München, Hamburg und Düsseldorf gefragt sind. Die Ausweisung von bestimmten, als geeignet gekennzeichneten Flächen, wie es auch der Frankfurter Entwicklungsplan für Rechenzentren vorsieht, verknappt das Angebot jedoch weiter und führt daher in der Praxis zu wenig Erleichterung. Helfen würde die Ausweisung zusätzlicher Flächen an den jeweils gefragten Standorten.
Parallel hierzu muss das Problem angegangen werden, dass insbesondere in Frankfurt am Main auf Jahre hinweg keine Netzanschlusskapazitäten mehr verfügbar sind. Erforderlich ist daher ein massiver Ausbau der Netzanschlusskapazitäten in den von den Nutzern nachgefragten Gebieten. Eine von den Nutzern der Rechenzentren losgelöste (über-)regionale Planung und Ausweisung von für Rechenzentren geeigneten Flächen erscheint daher nicht sinnvoll. Der insofern vorgesehene Dialog mit der Branche ist dagegen zu begrüßen.
Die strategische Bedeutung von Rechenzentren als kritische Infrastruktur mit volkswirtschaftlicher Bedeutung passt nicht dazu, dass über das konkrete Rechenzentrum die jeweilige Gemeinde vor Ort entscheidet. So sorgt es mindestens für Verwunderung, wenn z.B. in Groß-Gerau ein Großrechenzentrum mit einem Investitionsvolumen von ca. 2,5 Milliarden Euro im Gemeinderat scheitert. Insofern ist die Idee jedoch zu begrüßen, eine Handreichung für Kommunen zu entwickeln, nach welchen Kriterien und Maßstäben Flächen für die Entwicklung von Rechenzentren ausgewiesen werden könnten. So gibt es bereits eine Menge positiver Entwicklungen, wie insbesondere die Entwicklung und Ansiedlung von großen Rechenzentren von Microsoft in Bergheim, Elsdorf und Bedburg. Diese Erfahrungen können und sollten geteilt werden. Wird das Potential von Rechenzentren für die nähere und weitere Umgebung gesehen, kann auch die Akzeptanz von Rechenzentren insgesamt gesteigert werden.
Immer wieder zeigt sich in der Praxis, dass die Entwicklung von Rechenzentren an dem Thema Gewerbesteuer scheitert. Den für das Planungsrecht zuständigen Gemeinden geht es bei knappen Kassen verständlicherweise darum, das Gewerbesteueraufkommen zu erhöhen. Dies führt bisweilen zu sehr kreativen Vorschlägen von Gemeinden, die mit dem geltenden Steuerrecht nicht immer in Einklang zu bringen sind. Hier ist es zu begrüßen, dass die Strategie einen Vorschlag zur Einführung eines besonderen Zerlegungsmaßstabes für den Gewerbesteuer-Messbetrag prüfen will. Wichtig wäre aber auch, die strategische Bedeutung von Rechenzentren zu erkennen und Gemeinden Nachteile im Steueraufkommen zu kompensieren, die dadurch entstehen, dass eine Gemeinde ein Rechenzentrum zulässt. Andernfalls steht zu befürchten, dass Gemeinden weiterhin ihre Entscheidung insbesondere an dem zu erwartenden Gewerbesteueraufkommen festmachen und sich tendenziell gegen ein Rechenzentrum entscheiden.
Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung bedeutet zum jetzigen Zeitpunkt allein einen ersten Schritt; den Schritt der Erkenntnis, dass vieles unternommen werden muss, um Deutschland zu einem autonomen, nachhaltigen und erfolgreichen Rechenzentrumsstandort zu entwickeln. Kurzfristig wird die Strategie nichts an den bestehenden Defiziten ändern und Deutschland wird im Vergleich zu den USA und zu Asien weiter zurückfallen. Entwickler und Investoren brauchen daher weiterhin einen langen Atem und starke Nerven, ausreichend Kapital, hohe Expertise und gute Beratung, um ihre Projekte zu realisieren.