FIFA-Streitbeilegung bei der WM 2026: Bedeutung, Verfahren und der CAS
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Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird nicht nur sportliche Höhepunkte, sondern ggf. auch rechtliche Herausforderungen mit sich bringen. Kommt es zu Streitigkeiten über Spielwertungen, Disziplinarmaßnahmen, Regelverstöße oder Entscheidungen von Verbandsorganen, greifen die Mechanismen der FIFA-Streitbeilegung. Grundlage sind die FIFA-Statuten, das WM-Reglement 2026 sowie die Sportschiedsgerichtsbarkeit des Court of Arbitration for Sport (CAS).
Gerade bei Sportgroßereignissen wie der Fußball-WM sind schnelle, rechtssichere und transparente Verfahren entscheidend, um die Integrität des Wettbewerbs zu gewährleisten.
Der Beitrag erläutert, wie die Streitbeilegung bei der WM 2026 funktioniert, welche Rolle FIFA und CAS spielen und wie die ad hoc Division des CAS schnelle Konfliktlösung während des Turniers gewährleisten soll.
Afrika-Cup Sieger am grünen Tisch: Der Fall AFCON 2025 und die Bedeutung effektiver Mechanismen zur Streitbeilegung für die Fußball-WM 2026
Ein funktionierendes System zur Überprüfung von Entscheidungen und zur Streitbeilegung ist bei Sportgroßereignissen unabdingbar, um die Integrität des Wettbewerbs zu gewährleisten. Die Überprüfung von Entscheidungen, die je nach Tragweite einen Turnierverlauf erheblich beeinflussen können, erfordert ein rechtssicheres Verfahren, das Fairness, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit gewährleistet. Dies gebietet nicht zuletzt auch die erhebliche wirtschaftliche Bedeutung, die mit der Durchführung und Vermarktung von Sportgroßereignissen verbunden ist.
Die praktische Relevanz dieses Themas zeigte sich erst kürzlich durch die nachträgliche Aberkennung des Titels des Senegal beim Africa Cup of Nations 2025 (AFCON 2025). Der Senegal hatte das dramatische Endspiel gegen Marokko am 18. Januar 2026 mit 1:0 gewonnen. Am 17. März 2026 wertete die zuständige Berufungsinstanz des Afrikanischen Fußballverbands (CAF) das Endspiel dann jedoch nachträglich mit 3:0 für Marokko. Hintergrund dieser Entscheidung war, dass die Mannschaft des Senegal am Ende der regulären Spielzeit aus Protest das Spielfeld verlassen und damit gegen die Regularien des Turniers verstoßen hatte (CAF Appeal Board Media Statement). Ein Verfahren vor dem Court of Arbitration for Sport (CAS), in dem der Fußballverband des Senegal diese Entscheidung anficht, ist anhängig (CAS Media Release).
Vor diesem Hintergrund soll in diesem Beitrag mit Blick auf die bevorstehende Fußball-WM 2026 der Streitbeilegungsmechanismus der FIFA näher beleuchtet werden.
WM-Reglement und FIFA-Statuten: Der Rechtsrahmen für die Fußball-WM 2026
Der zentrale vertragliche Rahmen für die Streitbeilegung bei der Fußball-WM 2026 ist in den Regulations for the FIFA World Cup 26 (nachfolgend das „WM-Reglement“; Stand: Mai 2026) geregelt. Das WM-Reglement legt die Rechte und Pflichten aller Mitgliedsverbände fest, die an dem Turnier teilnehmen (Art. 1.7 i.V.m. Art. 5 des WM-Reglements).
Das WM-Reglement findet seine rechtliche Verankerung in den FIFA-Statuten. Sie regeln als konstituierendes Dokument des Weltfußballverbandes auch die Grundlagen der verbandsinternen Sportgerichtsbarkeit und das Verhältnis zur verbandsexternen Sportschiedsgerichtsbarkeit (aktuelle Fassung aus dem Jahr 2024).
Die verbandsinterne Entscheidungsfindung obliegt dabei den Rechtsorganen der FIFA. In erster Instanz ist die Disziplinarkommission zuständig, deren Entscheidungen in zweiter Instanz durch die Berufungskommission überprüft werden können (Art. 44 ff. der FIFA-Statuten 2024). Die Kompetenzen und das Verfahren der Disziplinar- und der Berufungskommission werden im FIFA Disciplinary Code bestimmt und konkretisiert (aktuelle Fassung von 2025).
Der CAS als letzte Instanz
Die Art. 49 bis 51 der FIFA-Statuten 2024 regeln das Verhältnis zur verbandsexternen Sportschiedsgerichtsbarkeit. Gemäß Art. 49 Abs. 1 der FIFA-Statuten 2024 wird als Grundsatz der CAS als unabhängiges Schiedsgericht für Streitigkeiten zwischen der FIFA, den Mitgliedsverbänden, Konföderationen, Ligen, Klubs, Spielern, Offiziellen und Vermittlern anerkannt. Nach Art. 50 der FIFA-Statuten 2024 ist der CAS zugleich die Berufungsinstanz gegen letztinstanzliche Entscheidungen der FIFA und ihrer Rechtsorgane, sobald der verbandsinterne Rechtsweg erschöpft ist. Nach Art. 51 Abs. 2 der FIFA-Statuten 2024 ist der ordentliche Rechtsweg daher ausgeschlossen.
Eine inhaltsgleiche Regelung findet sich in Art. 8 des WM-Reglements, der die maßgebliche Regelung zur Konfliktlösung bei der WM 2026 bildet. Die Vorschrift lautet:
"8.1 All disputes in connection with the FIFA World Cup 26 shall be promptly settled by negotiation (with the exception of those falling under art. 7 above).
8.2 As provided for in the FIFA Statutes, Participating Member Associations and their Delegation Members may not take disputes to an ordinary court of law but to the exclusive jurisdiction of FIFA.
8.3 The Participating Member Associations and all Delegation Members acknowledge and accept that, once all internal channels have been exhausted at FIFA, their sole legal recourse shall be to the Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lausanne, Switzerland, as provided for in the FIFA Statutes, and unless excluded by the FIFA Statutes or applicable FIFA regulations. Any such arbitration proceedings shall be governed by the CAS Code of Sports‑related Arbitration."
Artikel 8.2 des WM-Reglements begründet im Einklang mit den entsprechenden Regelungen in den FIFA-Statuten die ausschließliche Zuständigkeit der FIFA. Der Rechtsweg zu den ordentlichen staatlichen Gerichten ist explizit ausgeschlossen.
Erst nach Erschöpfung sämtlicher verbandsinterner Rechtsschutzmöglichkeiten der FIFA ist nach Art. 8.3 des WM-Reglements die Anrufung des CAS als einzige weitere Instanz zugelassen.
CAS ad hoc Division: Streitbeilegung während der Fußball-WM 2026
Das einleitend genannte Beispiel des AFCON 2025 zeigt, dass die Entscheidungsfindung verbandsinterner Rechtsorgane sowie deren anschließende Überprüfung durch den CAS Zeit in Anspruch nehmen kann. Die abschließende verbandsinterne Entscheidung über die Wertung des Endspiels beim AFCON 2025 erfolgte erst zwei Monate nach dem Abpfiff des Finales und das Berufungsverfahren vor dem CAS ist weiterhin anhängig. Wann mit einer Entscheidung des Schiedsgerichts zu rechnen ist, ist derzeit noch offen.
Da der mehrstufige Streitbeilegungsmechanismus der FIFA seiner Struktur nach grundsätzlich nicht auf kurzfristige, abschließende Entscheidungen ausgelegt ist, bedarf es bei den sportlichen Großereignissen wie den Olympischen Spielen oder der Fußball WM eines zusätzlichen Mechanismus, um etwaige Rechtsstreitigkeiten soweit irgend möglich noch rechtzeitig zu entscheiden. Denn gerade bei solchen sportlichen Großereignissen gilt der Grundsatz: „justice delayed is justice denied“.
Entscheidungen müssen daher ggf. innerhalb von Tagen, noch während des laufenden Wettbewerbs, getroffen werden. Um diesem Bedürfnis gerecht zu werden, hat der International Council of Arbitration for Sport (ICAS), anknüpfend an Art. 49 und 50 der FIFA-Statuten 2024, die „Arbitration Rules for the FIFA World Cup 26 Final Competition“ („Schiedsordnung“) verabschiedet. Diese speziell für die Dauer des WM-Turniers erlassene Schiedsordnung sieht in Art. 2 die Einrichtung einer sog. ad hoc Division des CAS vor. Ihre Aufgabe besteht darin, die Streitigkeiten während des WM-Turniers im Wege eines Schiedsverfahrens durch gemäß der Schiedsordnung eingesetzte Schiedsrichter beizulegen. Die Einrichtung entsprechender Abteilungen des CAS zur umgehenden Streitbeilegung ist bei bestimmten Sportgroßereignissen üblich und erfolgt beispielsweise auch bei Olympischen Spielen oder Fußball-Europameisterschaften.
Wie das Eilverfahren vor dem CAS während der WM funktioniert
Die Schiedsordnung bestimmt ein Schiedsverfahren mit Sitz in der Schweiz. Grundsätzlich soll eine mündliche Verhandlung sofort einberufen werden, die im Regelfall aber als Video- oder Telefonkonferenz abgehalten werden soll (Art. 16 lit. c der Schiedsordnung). Sofern sich der Einzelschiedsrichter/das Schiedsgericht für ausreichend informiert hält, kann eine Entscheidung auch ohne Verhandlung ergehen.
Eine Entscheidung soll innerhalb von 48 Stunden nach Einreichung eines Antrags ergehen (Art. 19 der Schiedsordnung).
Unter Berücksichtigung aller Umstände des Falles liegt es in der Hand der Schiedsrichter, entweder einen endgültigen Schiedsspruch zu erlassen oder das Verfahren an ein „ordentliches“ Schiedsverfahren zu verweisen. Das Schiedsgericht kann hiervon auch nur für einen Teil des Rechtsstreits Gebrauch machen. Sofern das Schiedsgericht den Rechtsstreit an das reguläre CAS-Verfahren verweist, kann es selbst – auch ohne entsprechenden Antrag der Parteien - vorläufige Rechtsschutzmaßnahmen gewähren. Zudem bleibt das bei einer solchen Verweisung gebildete Schiedsgericht auch für das „ordentliche“ Verfahren zuständig.
Sofern ein Endschiedsspruch erlassen wird, ist dieser nicht mehr durch Rechtsmittel angreifbar. Dann verbleibt nur noch die für jeden Schiedsspruch zulässige, aber auf enge Ausnahmefälle begrenzte Überprüfung des Schiedsspruches durch das Schweizer Bundesgericht.
Fußball-WM 2026: Schnelle Konfliktlösung als Schlüssel für faire Wettbewerbe
Es ist zu erwarten, dass es auch bei der anstehenden Fußball-WM 2026 mit ihren 104 Spielen – wie immer bei Sportgroßereignissen – Kontroversen um Entscheidungen und mögliche Regelverstöße geben wird. Der Fall des AFCON 2025 zeigt, dass abschließende Entscheidungen in zeitlicher Nähe zum sportlichen Wettbewerb nicht immer gewährleistet sind. Mit der Einrichtung der ad hoc Division des CAS für die Dauer der Fußball-WM 2026 wird versucht, diesem Bedürfnis nach effizienter und gleichermaßen rechtssicherer Konfliktlösung Rechnung zu tragen.
Fazit: So funktioniert die Streitbeilegung bei der Fußball-WM 2026
- Schnelle und rechtssichere Verfahren sind entscheidend, um die Integrität und Fairness von Sportgroßereignissen zu gewährleisten.
- Die FIFA verfügt über ein mehrstufiges System zur Streitbeilegung.
- Grundlage bei der Fußball-WM 2026 sind die FIFA-Statuten, das WM-Reglement und die Schiedsordnung des CAS.
- Der Rechtsweg zu staatlichen Gerichten ist ausgeschlossen; zuständig sind die FIFA-Rechtsorgane und der CAS.
- Die ad hoc Division des CAS ermöglicht Entscheidungen innerhalb von 48 Stunden während des laufenden Turniers.